St. Pölten Konkret

Die Grabungskampagne 2016 am Domplatz – eine Zwischenbilanz

22.09.2016, von Martin Koutny

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Im Bild (1/6): Auf der 523 Quadratmeter großen Grabungsfläche am Domplatz konnte das Fundament der Andreaskapelle aus dem 14. Jahrhundert freigelegt werden. (Foto: Josef Vorlaufer)
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Im Bild (2/6): Am Domplatz gibt es zahlreiche Funde zu bestaunen. (Foto: Josef Vorlaufer)
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Im Bild (3/6): Aus der Vogelperspektive erkennt man die Dimension der alten Fundamente der Adreaskapelle am St. Pöltner Domplatz. (Foto: Stadtmuseum St. Pölten)
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Im Bild (4/6): Baudirektor DI Kurt Rameis, Bürgermeister Mag. Matthias Stadler und Grabungsleiter Dr. Ronald Risy auf der Aussichtsplattform bei der Ausgrabungsstelle. (Foto: Josef Vorlaufer)
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Im Bild (5/6): Bürgermeister Mag. Matthias Stadler wird von Dr. Ronald Risy und Baudirektor DI Kurt Rameis über den aktuellen Stand der Grabungen informiert. (Foto: Josef Vorlaufer)
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Im Bild (6/6): Auf der Grabungsfläche westlich des Domturmes kamen vorwiegend römische Funde zum Vorschein. (Foto: Stadtmuseum St. Pölten)

Die archäologischen Grabungen am Domplatz - die größte innerstädtische Grabungsstätten Österreichs - werden mit Nachdruck vorangetrieben. Sie sollen bis 2018 abgeschlossen sein. Indes laufen die Planungen für die Neugestaltung des zentralen Platzes in der Landeshauptstadt weiter.

Während die archäologischen Funde international auf großes Interesse bei den WissenschaftlerInnen stoßen und Inhalt von zahlreichen Abhandlungen und Dissertationen sind, laufen im Rathaus die Planungen für die Neugestaltung des Domplatzes. Ein Grundplan liegt bereits vor. Dieser wird nun überarbeitet, wobei die Ideen der neuesten Diskussionen und die Erkenntnis aus den Grabungen berücksichtigt werden sollen. „Die Diskussion über die Neugestaltung des Domplatzes ist erst abgeschlossen, wenn die Bagger auffahren und das Projekt umgesetzt wird“, sagt Bürgermeister Mag. Matthias Stadler. Er will einen Domplatz schaffen, der sieben Tage in der Woche, das ganze Jahr über, attraktiv genutzt werden kann. Außerdem soll der Domplatz jene Würde erhalten, die er verdient und Stadler versichert erneut, dass der Domplatz nicht autofrei wird. „Ich habe im Frühjahr einen Glaskubus am Domplatz vorgeschlagen, um eine Diskussion darüber zu führen, wie man die einzigartigen archäologischen Funde zumindest teilweise sichtbar machen kann. Mittlerweile sind wir mit der Diözese in guten Gesprächen und ich bin sehr zuversichtlich, dass wir eine attraktive Lösung finden werden. Wir wollen dieses Alleinstellungsmerkmal der Bevölkerung bewusst machen und touristisch nutzen. Es geht darum, einen Domplatz zu gestalten, den die St. PöltnerInnen und die NiederösterreicherInnen regelmäßig gerne aufsuchen und als Anziehungspunkt für TouristInnen und Gäste von auswärts dient“, gibt Stadler die Richtung vor. Die Pläne für die Neugestaltung des Domplatzes sollen im Laufe des nächsten Jahres präsentiert werden.

Funde am „laufenden Band“
Die heurige Kampagne ist noch lange nicht abgeschlossen, weswegen eine Zwischenbilanz gezogen wird: 2016 wurden in mehreren Abschnitten bisher zirka 654 m² des Platzes geöffnet. Neben diversen Baubefunden konnten dabei über 1.970 Individuen freigelegt und dokumentiert werden. Damit wird nach dem Rekordjahr 2015 die zweithöchste Zahl an Bestattungen erreicht werden. 362 Gigabyte an digitalen Daten, 22.000 Fotos, 2.600 Einzelbefunde, 65 Bananenkartons voller Funde, zusätzlich 1.272 Metallgegenstände und 132 Münzen – und all das allein aus dem Jahr 2016! – verdeutlichen erneut den durch die Richtlinien des Bundesdenkmalamtes vorgegebenen Aufwand eines solchen Projektes.

Mehrere Teilflächen wurden untersucht
Im heurigen Jahr wurden mehrere Teilflächen archäologisch untersucht.
1. Im März wurde die unmittelbar vor dem Domturm gelegene, bereits 2014 begonnene und 60 m² große Fläche in einer Tiefe von einem Meter abgeschlossen, wo sich im Gegensatz zur Mitte des Domplatzes bereits vollflächig römische Befunde zeigten:
Die Schotterung eines Nord-Süd-laufenden innerstädtischen Straßenzuges von Aelium Cetium.
Als wichtigster Befund weitere so genannte Steckenlöcher mit darüberliegenden Resten eines Fundamentes, die die Interpretation einer zum römischen Verwaltungspalast gehörenden Porticus endgültig absicherten.
2. Durch die Übersiedelung des Geschäftes „Moreboards“ bot sich eine günstige Gelegenheit, die noch nicht untersuchte Fläche von ca. 94 m² im Süden des Platzes zu untersuchen. In diesem Bereich wurde eine äußerst komplizierte Stratigraphie vorgefunden, die das Erkennen der einzelnen Befunde und deren Interpretation erschwerte. Zu Tage kam der bereits bekannte spätmittelalterliche Entwässerungsgraben, der südlich durch eine kleine Straße begrenzt war, die vom Herrenplatz kommend zwischen den Gebäuden „Schlüssel Landsteiner“ und „Palais Wellenstein“ zur Wiener Straße hin abbog. Insgesamt drei Straßenbeläge konnten dokumentiert werden. Im Laufe des 16./17. Jahrhunderts wurden der ehemalige Graben und diese Wegführung wieder vom Friedhof überlagert.

In einer der geplanten Baumsetzgruben kamen Überreste einer römischen Mauer und mehrere Hypokaustpfeiler zu Tage. Zusammen betrachtet stand hier ein großes römisches Gebäude mit zumindest drei mit Fußbodenheizung versehenen Räumen, von denen mindestens einer eine Apside aufwies.
3. Die 523 m² große, jetzt noch offene Grabungsfläche wurde bereits zu Ostern geöffnet mit dem Ziel, die aus historischen Quellen bekannte Doppelkapelle freizulegen und zu untersuchen. Die wenigen Schriftquellen sprechen von zwei übereinander gelegenen Kapellen, von denen die untere dem hl. Leonhard und die obere dem hl. Andreas geweiht war. Erreichbar war die Oberkapelle über ein im Norden angelegtes Stiegenhaus. 1786 wurde die Kapelle abgetragen.
Interessant ist der erhaltene Befund: Die eigentliche Mauer der romanischen Kapelle wurde bis tief ins Fundament abgetragen, das gewonnene Steinmaterial anderweitig verwendet. Sichtbar ist nur die polygonale Ummauerung, wahrscheinlich aus dem 14. Jahrhundert. Von der unteren Kapelle konnten bisher keine Spuren nachgewiesen werden. Sicher ist, dass die im Kapelleninneren vorgefundenen Knochenschüttungen sekundär eingebracht wurden und nicht die ursprüngliche Karnersituation widerspiegeln.

Anthropologische Besonderheit
Parallel laufen weiterhin anthropologische Untersuchungen, wobei sich die in den letzten Jahren gemachten Beobachtungen bestätigten; einzig die Freilegung eines Kleinwüchsigen ist hervorzuheben.


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