St. Pölten Konkret

Archäologie: Erfolgreiche Bilanz der Grabungssaison 2016

15.12.2016, von Martin Koutny

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Im Bild (1/8): Bei den archäologischen Grabungen im künftigen Infopoint des Bistumsgebäude konnte ein Grab einer jungen Frau mit zahlreichen Schmuckbeigaben aus dem 11. Jahrhundert geborgen werden. (Foto: Josef Vorlaufer)
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Im Bild (2/8): Stadtarchäologie Dr. Ronald Risy, Bürgermeister >Mag. Matthias Stadler und diakon Michael Markus Riccabona von der Diözsese bei den Ausgrabungen im künftigen Infopoint des Bistumsgebäudes. (Foto: Josef Vorlaufer)
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Im Bild (3/8): Kranabschlussfoto nach Beendigung der Grabung: zu erkennen sind die Andreaskapelle, eine römische Fußbodenheizung am rechten Bildrand, sowie weitere römische Gebäudereste im linken Bildfeld. (Foto: Stadtmuseum St. Pölten)
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Im Bild (4/8): Knochenschüttung im unteren Geschoß der Andreaskapelle. (Foto: Stadtmuseum St. Pölten)
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Im Bild (5/8): Bergung der Knochenschüttung aus dem Karner. (Foto: Stadtmuseum St. Pölten)
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Im Bild (6/8): Das Team rund um Univ.-Prof. Karl Grossschmidt von der medizinischen Universität Wien bearbeitete trotz widriger Wetterverhältnisse die geborgenen Knochen aus dem Karner sofort vor Ort. (Foto: Stadtmuseum St. Pölten)
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Im Bild (7/8): Die Grabungsarbeiten im geplanten Eingangsbereich in die Diözese. (Foto: Stadtmuseum St. Pölten)
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Im Bild (8/8): Frühmittelalterliche Bestattung mit reichen Schmuckbeigaben (Foto: Stadtmuseum St. Pölten)

Durch den anhaltenden Bauboom in St. Pölten wurden auch im heurigen Jahr zahlreiche weitere archäologische Maßnahmen durchgeführt. Das Spektrum reicht von Künettenbeobachtungen bis hin zu richtigen archäologischen Grabungen im Vorfeld verschiedener Bauvorhaben. Stadtarchäologe Dr. Ronald Risy und Bürgermeister Mag. Matthias Stadler ziehen eine überaus positive Bilanz.

„Alle Untersuchungen des heurigen Jahres sind nicht willkürlich initiiert. Sie mussten aufgrund der Gesetzeslage durchgeführt werden, um konkrete Bauvorhaben umsetzen zu können. Die archäologische Grabungssaison 2016 bezeugt erneut, dass das heutige Stadtgebiet von St. Pölten seit Sesshaftwerdung des Menschen immer ideale Lebensbedingungen bot und unterstreicht, wie notwendig es ist, eine archäologische Begleitung der vielen Bauvorhaben im Stadtgebiet von St. Pölten durchzuführen und seitens des Magistrats für die jeweilige Bauherrenschaft eine konkrete Ansprechperson in diesen Belangen anbieten zu können. Sonst käme es bei vielen Bauprojekten zu beträchtlichen Zeitverzögerungen und hohen finanziellen Aufwendungen. Großer Dank gebührt allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, ohne deren Engagement all diese Vorhaben nicht zu bewältigen wären“, sagt Bürgermeister Mag. Matthias Stadler.

Denkmalschutz ist gesetzliche Auflage
Der Denkmalschutz ist in Österreich gesetzlich verankert und die rechtlichen Auflagen sind von den Bauherren zu befolgen. Die Einhaltung der Bestimmungen wird vom Bundesdenkmalamt genau kontrolliert. Somit ist die Durchführung der archäologischen Grabungen im Stadtgebiet keineswegs das Hobby von geschichtsinteressierten Entscheidungsträgern, sondern eine gesetzlich unabdingbare Voraussetzung für die Umsetzung der Bauprojekte.

Grundlagen für Bauarbeiten aufbereitet
Auch 2016 lag der Schwerpunkt der Arbeiten der Archäologen am Domplatz. Hier wurden neben den archäologisch sehr bedeutenden Befunden weitere Grundlagen für die Neugestaltung des Domplatzes erstellt. Außerdem ist mit dem Anschluss der Grabungen im angrenzenden Bistumsgebäude nun die Basis die Neugestaltung des Eingangs zum Diözesanmuseum und zu dem in Diskussion stehenden Glaskubus auf dem Domplatz weitgehend aufbereitet. Je mehr Grundlagen wir erarbeiten, desto besser können wir über die Neugestaltung dieses zentralen Platzes entscheiden. Die Zeit drängt noch nicht, weil die Grabungen ja noch bis 2018 dauern werden. Abgesehen vom Domplatz gab es noch eine ganze Reihe weiterer, teilweise spektakulärer Erkundungen des Untergrundes in einzelnen Stadtteilen und in der Innenstadt“, hält das St. Pöltner Stadtoberhaupt fest.

Pottenbrunn
Im Vorfeld eines geplanten Grundstückverkaufs wurde bei Grabungen durch den Verein ASINOE im Bereich eines Altarmes eine bisher unbekannte frühmittelalterliche Siedlung aus dem 7. und beginnenden 8. Jahrhundert n. Chr. entdeckt.

Ehemaliges Jäger-Areal, Ecke Maximilianstraße/Kerensstraße
Völlig überraschend wurden hier ein kleines spätbronzezeitliches Gräberfeld sowie Spuren römischer Tätigkeit entdeckt.

Schöpferstraße
Anlass für die Grabungen hier und in den angrenzenden Grundstücken war die Erweiterung der Schöpferstraße nach Norden bis zur Maximilianstraße und die Erschließung mit Kanal und Wasser. Freigelegt wurde die Nutzungszone eines römischen landwirtschaftlichen Betriebes und spätmittelalterliche Hamsterfallen.

Diverse Künettenbeobachtungen anlässlich der

Neuverlegung verschiedener Leitungen
Für alle überraschend kamen in zahlreichen Künetten in der Innenstadt noch erhaltene Strukturen zum Vorschein, über die zum Teil schon in eigenen Aussendungen berichtet wurde. „An dieser Stelle ist allen Verantwortlichen der Einbautenträger für die konstruktive Zusammenarbeit zu danken, mit deren Hilfe die Zerstörung historischer Bausubstanz auf ein Minimum reduziert werden konnte“, sagt Stadtarchäologe Dr. Risy und fasst die Befunde zusammen:

Dr.-Ofner-Gasse:
Reste der mittelalterlichen Stadtmauer
Ein mehr als 200 Jahre alter, nicht verfüllter Brunnen im Fahrbahnbereich
Reste der neuzeitlichen Bebauung vor Errichtung der Dr.-Ofner-Gasse

Lederergasse:
Einfassung des ehemaligen Ledererbaches
Reste der mittelalterlichen Stadtmauer und des sogenannten Ledererturmes

Grenzgasse:
Zahlreiche Mauerreste, die als Einfassung der alten Kanalisation angesprochen werden können
Barockes Kellergewölbe des Diözesangebäudes
Keller des ehemaligen Gasthofes zum Grünen Baum, die zumindest auf das 17. Jahrhundert zurückgehen
Brunnen
Spätmittelalterliche Abfallgrube mit wunderschönen Ofenkacheln

Domplatz
Zahlen und Fakten zur Grabungskampagne 2016 am Domplatz
2016 wurden ca. 730 t Tonnen Erdmaterial händisch mit Krampen und Schaufel bzw. mit Pinsel und Kelle abgegraben. Das Fundmaterial 2016 aus mehr als 3.600 Einzelbefunden füllt ca. 81 Bananenkartons, die schätzungsweise mehr als 23.000 Einzelstücke enthalten. Darüber hinaus kamen 1.431 Kleinfunde sowie 197 Münzen zum Vorschein. Mehr als 29.000 Fotos wurden aufgenommen.
Die Zahl der bisher geborgenen menschlichen Überreste liegt derzeit bei 12.679 Individuen – 2.837 allein im Jahre 2016 –, die fast alle anthropologisch untersucht sind.

Zum Domplatz-Befund 2016
Im heurigen Jahr wurden mehrere Teilflächen archäologisch untersucht, worüber bereits beim Pressegespräch vom 22. September 2016 ausführlich berichtet wurde. Ergänzend kann gesagt werden:
1. Völlig überraschend kamen in einer Tiefe von 0,9–1,0 m im Ostteil der Grabungsfläche zahlreiche römische Baubefunde oberflächlich zu Tage. Mindestens fünf nebeneinander liegende, mit Fußbodenheizung ausgestattete Räume sprechen für einen gehobenen Standard in der Ausstattung. Ob es sich um Häuser reicher Bürger handelt oder an eine öffentliche Nutzung dieser Gebäude zu denken ist, kann derzeit nicht eindeutig beantwortet werden. Hier liegt die Hoffnung auf der nächsten Grabungskampagne. Auch die SO-Ecke der großen Aula des Verwaltungspalastes aus dem 4. Jahrhundert kam zum Vorschein, deren Größe sich nun mit 18x12 m rekonstruieren lässt.
2. Ein Schwerpunkt der heurigen Kampagne lag in der Freilegung der sogenannten Doppelkapelle. Die wenigen Schriftquellen sprechen von zwei übereinander gelegenen Kapellen, von denen die untere dem heiligen Leonhard und die obere, erreichbar über ein im Norden angelegtes Stiegenhaus, dem heiligen Andreas geweiht war. 1786 wurde die Kapelle abgetragen. Der archäologische Befund entsprach zunächst nicht der Interpretation der historischen Quellen. Durch einen Tiefschnitt konnten hier aber alle offenen Fragen im Wesentlichen geklärt werden:
Dieser Kirchenbau wurde als doppelgeschoßiger Bau ausgeführt, nach Aussage des Mauerwerks vielleicht schon im 11. Jahrhundert, allerspätestens allerdings zu Beginn des 12. Jahrhunderts. Es handelt sich um einen Rundbau, dessen Untergeschoß als Karner verwendet wurde, während das Obergeschoß die eigentliche Kapelle beherbergte. Die originale Karnerverfüllung im angelegten Schnitt wurde geborgen. Die Zählung ergab eine Mindestanzahl von 860 Individuen, hochgerechnet auf die Gesamtfläche kann daher von mindestens 3.500 Individuen, von denen Überreste deponiert wurden, ausgegangen werden.
Im 14. Jahrhundert erfolgte der gotische Umbau. Das Untergeschoß (Karner) wurde großteils mit Erde aufgefüllt, ein Mittelpfeiler für die Gewölbedecke errichtet, außen ein Polygon vorgesetzt und der Altarraum vergrößert. Den verbliebenen Hohlraum verwendete man nun als Sonderbestattungsareal für rund um die Geburt oder früher verstorbene Kleinkinder. Zu einem späteren Zeitpunkt wurde ein Teil der Verfüllung abgegraben und der vorhandene Hohlraum wieder zur Deponierung von Knochen genutzt.

Diözese-Infopoint
Die bereits im Vorjahr begonnenen Grabungen wurden heuer fortgesetzt. Anlass ist der geplante neue attraktive Eingang in das Diözesanmuseum und in die Diözese, wobei man sich entschloss, das geplante Stiegenhaus und den Lift nun auch in den Keller zu führen.
Die Baustelle stellte statisch und grabungstechnisch eine große Herausforderung dar, die in hervorragender Zusammenarbeit zwischen Diözese und Stadt gemeistert werden konnte. Die Grabung steht knapp vor dem Abschluss und hat hervorragende Befunde zum Vorschein gebracht. Hier wurden inzwischen aus 500 Einzelbefunden neben 218 so genannten Kleinfunden und 32 Münzen mehr als 45 Bananenkartons an Funden geborgen.
Aus der Römerzeit konnten der Nord-Süd-laufende innerstädtische Straßenzug mit dem östlich verlaufenden Straßengraben sowie die im Osten angrenzende, möglicherweise als Portikus gestaltete Begrenzungsmauer freigelegt werden.
Nach Aufgabe des Straßengrabens konnte eine sehr späte römische Holzbauphase dokumentiert werden, die aufgrund mangelnden Fundmaterials schwer genau zu datieren ist, aber zumindest in das 5. Jahrhundert gesetzt werden muss. Bis jetzt fehlen diesbezügliche Siedlungsspuren, nur durch einige Gräber im ehemaligen Siedlungsareal war eine Nutzung in dieser Zeit nachzuweisen.
Zahlreiche Gräber, völlig überraschend auch westlich der ehemaligen mittelalterlichen Klostermauer, belegen, dass das frühmittelalterliche Kloster noch nicht so weit nach Westen reichte.
Besonders hervorzuheben ist eine weibliche Bestattung mit reichen Schmuckbeigaben, die wahrscheinlich in die 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts datiert werden kann. Die erhaltene Kombination aus Halsreif, Perlen und diversen Kopfschmuckringen ist für die frühmittelalterliche Forschung von großer Bedeutung, wie zahlreiche Fachkollegen bestätigten.
Nachdem sich das Kloster im Laufe des Hochmittelalters nach Westen ausgedehnt hatte, lagen hier Garten- bzw. Hofareale mit diversen hölzernen Einbauten, von denen nur noch Reste von Fußböden erhalten waren.

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