St. Pölten Konkret

Die Dekonstruktion des Abendlandes und Wiener Würstel

07.05.2017, von Peter Kaiser

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Im Bild (1/1): Vidina Popov, Tim Breyvogel, Michael Scherff, Zeynep Bozbay, Stanislaus Dick (Alexi Pelekanos)

Hakan Savaş Micans Theaterprojekt "Die Eroberung des goldenen Apfels" im Landestheater irritiert und konfrontiert uns mit einigen unliebsamen Phänomenen unserer Zeit.

Der goldene Reichsapfel ist zur Wiener Theaterkantine verkommen. Eine fidele Wirtin erzählt aus ihrem Leben. Zwei Männer und zwei Frauen, gekleidet in der Mode des Barock, erwachen aus dreihundertjährigem Dornröschenschlaf und warten auf ihren Auftritt. Ein offensichtlicher Orientale betritt die Bühne, immer mit anderem Status. Er spielt eine Nebenrolle, und doch ist es immer die Hauptrolle. Er ist das Kind seiner Zeit, einer Zeit die vergeht und über die Menschen hinweggeht, ohne sich um sie zu bekümmern. Und er ist es schließlich, der am Ende den Takt vorgeben wird.

Dann gibt es noch die Donau, welche die Relikte der Zivilisation und die Schädel der Gefallenen bewahrt.
Was ist es nun, das uns irritiert bei einem Stück, das ein wenig von René Pollesch und Samuel Beckett inspiriert ist, über dem Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ schwebt, das komisch ist und scheinbar gar nichts Radikales an sich hat?

"Das ist nicht mehr unser Stück!"
Es ist nicht die Wirtin, der einfache Mensch, der zu allen Zeiten und an allen Orten derselbe ist, und der sich mit den Gegebenheiten arrangiert, und es ist nicht der tätige und stolze Orientale der irritiert.
Es sind die vier untoten Barockmenschen, die die Wiener Lebensart auf Würstel, Sachertorte und den Walzer (lauter Anachronismen) reduzieren. Die sich beständig den Staub von den Kleidern klopfen, ihre Perücken ordnen und an das sich leider in dauernder Gefahr befindliche Schöne klammern. Auch leiden sie unter akuter Demenz und Realitätsflucht. Es sind Menschen, die das Heute vergessen hat. Die nicht mehr teilhaben am Weltengetriebe, Menschen von gestern eben. Und ihr plötzliches Erkennen, dass diese Welt nicht mehr die ihre ist, schmerzt. Mit einem Wort: sie sind lächerlich geworden!
Es ist dieser Blick der irritiert und viel Wahres in sich trägt: Auf eine Tradition, die nur mehr aus Kostümen besteht, weil ihr jegliche Energie und alles Wertebewusstsein abhanden gekommen ist. Die einzige Chance dieser Gestrigen, dieser Nachtrauernden, dieser auf ihren neuerlichen Auftritt Wartenden, wird anhand einer kleinen Parabel expliziert. Es ist die Geschichte vom schlauen Anaerobier in polaren Breiten. Und dann bestünde noch die Möglichkeit einer Teilung des Würstels.
Mehr dazu bei Ihrem Besuch im Landestheater.

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