St. Pölten Konkret

WWE-Gründe: Archäologische Grabungen abgeschlossen

09.03.2018, von Martin Koutny

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Im Bild (1/9): Bürgermeister Mag. Matthias Stadler, DI Robert Hahn, Dr. Volker Lindinger und Dr. Ronald Risy präsentieren den Abschlussbericht der archäologischen Grabungen auf den WWE-Gründen. (Foto: Wolfgang Mayer)
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Im Bild (2/9): Aus der Vogelperspektive sind die Grundrisse der Baracken des Zwangsarbeiterlagers noch gut zu erkennen. (Foto: Firma ARDIG St. Pölten)
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Im Bild (3/9): Auf den WWE-Gründen ... (Rendering: Beyer)
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Im Bild (4/9): ... entsteht eines ... (Rendering: Beyer)
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Im Bild (5/9): ... der größten Wohnbauprojekte ... (Rendering: Beyer)
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Im Bild (9/9): ... St. Pölten. (Rendering: Beyer)

Im Norden von St. Pölten wird eines der größten Wohnbauprojekte der Landeshauptstadt, direkt neben dem Viehofner See, umgesetzt. Für die Verwirklichung war die archäologische Erkundung des Bauplatzes erforderlich. Der Abschlussbericht liegt nun vor. Noch heuer soll die Umwidmung des Grundstückes vorbereitet werden, mit dem Ziel Ende 2019 mit den Bauarbeiten für 720 Wohnungen beginnen zu können.

Die WWE Wohn- und Wirtschaftspark Entwicklungsgesellschaft m.b.H. ist Eigentümerin von drei insgesamt rund 8 ha großen Grundstücken im Norden von St. Pölten, die sich in unmittelbarer Nähe zum EKZ-Traisenpark, den Viehofner Seen und zum Stadtzentrum St. Pölten befinden. Nach der erfolgreichen Teilnahme am Europan Wettbewerb, einer europaweiten Wettbewerbsreihe für junge Architekten, unter dem Motto „a Vision of Housing for a Sleeping Beauty”, wurde mit dem Architekturbüro BLOK ZT KG die Grundlage für eine neue, urbane Bebauungsstruktur mit Schwerpunkt „Wohnen in der Natur“ erarbeitet. Auf diesem in Vergessenheit geratenen Standort mit der verwilderten Landschaft am Wasser und der exzellenten lokalen und regionalen Vernetzung soll ein lebenswertes, eigenständiges Wohnquartier entstehen. Das Thema Wohnen im Sinne des Siegerprojektes „Elastic City“ wird grundsätzlich in einen breiten gesellschaftlichen Kontext gestellt, permanente und temporäre Wohnformen sowie ergänzende Nutzungen miteinander eng verwoben, um eine heterogene Vielfalt im städtischen Raum mit ca. 58.000 m² Nutzfläche zu schaffen. Der weitläufige umgebende Grünraum entlang der Traisen wird als Waldfläche erhalten.

Verfahren zur Umwidmung wird vorbereitet
Aktuell wird in enger Abstimmung mit der Stadt St. Pölten die Umwidmung von Bauland Betriebsgebiet in Bauland Wohngebiet bearbeitet, mit dem Ziel die Neufestsetzung des Flächenwidmungsplanes bis Jahresende einzuleiten. Insgesamt entstehen rund 720 neue Wohnungen - von Familienwohnungen bis kompakten Startwohnungen - mit großzügigen Freiflächen in unterschiedlichsten Gebäudetypen. Ein möglicher Baustart ist für Ende 2019 zu erwarten.

„Eines der größten Wohnbauprojekte in der niederösterreichischen Landeshauptstadt kommt nun, nach Abschluss der archäologischen Grabungen, in die Umsetzungsphase. Das Projekt wird die Struktur dieses Stadtteiles ganz wesentlich positiv verändern und prägen. Auf den WWE-Gründen entsteht hochwertiger Wohnraum mit bester Lebensqualität, nicht nur weil es sich um ein ausgezeichnetes Projekt aus dem Europan-Wettbewerb handelt sondern auch, weil das Umfeld optimal ist: Mit den Viehofner Seen liegt ein herausragendes Naherholungsgebiet direkt vor der Haustüre, Einkaufszentren, öffentliche Verkehrsmittel und Einrichtungen, Kindergärten, Schulen und Fachhochschule, Arbeitsplätze, Lokale und Sportmöglichkeiten liegen fußläufig erreichbar in unmittelbarer Nähe. Es gibt wohl kaum eine andere Stadt in Österreich, die derart gute Grundstücke für den Wohnbau zur Verfügung hat“, erläutert Bürgermeister Mag. Matthias Stadler.
„Bereits im Europan-Wettbewerb war die Auseinandersetzung mit der unrühmlichen Vergangenheit dieses Areals während der Zeit des Nationalsozialismus ein zentrales Thema. Die WWE stellt sich der Aufgabe, dieses Kapitel der jüngsten Geschichte umfassend aufzuarbeiten und zu dokumentieren. Die Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen liegen nun in Form des Endberichtes der Firma ARDIG vor und werden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Darüber hinaus ist es beabsichtigt, das Thema mit einem Kunstprojekt am Gelände entsprechend zu würdigen. Ich bedanke mich bei Mag. Dr. Martin Krenn vom Bundesdenkmalamt, beim Stadtarchäologen Mag. Dr. Ronald Risy und dem gesamten Team der Firma ARDIG für die fachkundige und zügige Durchführung der Grabungen und die Erstellung des Abschlussberichtes“, sagt der Geschäftsführer der WWE Wohn- und Wirtschaftspark Entwicklungsgesellschaft m.b.H.

Archäologische Grabung als Voraussetzung für Baustart
Als Voraussetzung für die Umsetzung des geplanten Wohnprojektes war im Vorfeld eine archäologische Untersuchung notwendig, da sich auf dem Areal im zweiten Weltkrieg eines der größten Zwangsarbeiterlager auf dem Stadtgebiet St. Pöltens befand. Die Betonpfeiler der ehemaligen Stacheldrahtumzäunung und die Fundamentplatte einer Baracke sind im dichten Bewuchs des Auwaldes immer sichtbar gewesen.

In Abstimmung mit dem Bundesdenkmalamt, Abteilung für Archäologie und dem Projektwerber wurden im Zeitraum vom 14. Juni 2017 bis 13. Dezember 2017 mit Unterbrechungen an insgesamt 70 Tagen umfangreiche archäologische Prospektions-, Grabungs- und Dokumentationsarbeiten seitens der beauftragten Firma ARDIG aus St. Pölten unter der Leitung des Stadtarchäologen Dr. Ronald Risy durchgeführt. Ziel dieser Arbeiten war es, alle noch vorhandenen Überreste des ehemaligen Lagers - eines der letzten noch verbliebenen stummen Zeugen dieser nicht sehr ruhmreichen Vergangenheit - nach heutigem gültigen Standard zu dokumentieren und damit eine weitere Basis für eine wissenschaftliche Aufarbeitung zu schaffen.

Umfassende Archäologische Maßnahmen
Begonnen wurden mit umfangreichen Rodungsarbeiten, denen anschließend eine Prospektion mit Metalldetektor über die gesamte gerodete Fläche folgte, bei der alle dabei getätigten Funde georeferenziert verortet wurden. Mit Hilfe eines Baggers mit Böschungslöffel legte das Team vorsichtig einzelne Bauteile und Bereiche des Lagerareales frei, die dann geputzt und dokumentiert wurden wie auch die noch obertägig im Geländer sichtbaren Bauteile (hauptsächlich die noch vorhandenen Pfeiler des ehemaligen Lagerzaunes).

Aufschlussreiches Ergebnis
„Die oberflächennahen Funde, welche mit der Nutzung des Areals in der Zeit des 2. Weltkriegs und danach in Zusammenhang stehen, wurden gesammelt“, berichtet Archäologe Dr. Volker Lindinger von der Firma ARDIG. Es liegt Fundmaterial aus allen Nutzungsphasen des Lagerareals vor. Neben einigen Fundstücken, welche eindeutig aus der Zeit des Zwangsarbeiterlagers des 2. Weltkrieges stammen, ist die Mehrzahl der Funde den weiteren Nutzungsphasen als Arbeitersiedlung und in weiterer Folge als „wilde Deponie“ zu zuordnen.
Als zwangsarbeiterlagerzeitlich können Konstruktions- und Ausstattungselemente der Baracken, wie z.B. Dacheindeckung, Tor- und Fensterbeschläge als gesichert angenommen werden. Darüber hinaus liegen Koch-, Transport- und Essgeschirr sowie wenige Münzen vor, welche eine Datierung in die Zeit des 2. Weltkriegs zulassen.

Im Rahmen der weiteren Untersuchungen zeigte sich, dass Reste von sechs Lagerbaracken im Fundament bzw. bis zum ehemaligen Fußbodenniveau – wenn auch in unterschiedlichem Zustand – erhalten waren. Darüber hinaus konnten zwei Splitterschutzgräben und Teile der ehemaligen Infrastruktur, wie Kanalleitungen, Abwasseraufbereitung und die Lagerumzäunung freigelegt werden. Alle Befunde wurden geputzt und fachgerecht dokumentiert.
Die freigelegten Befunde zeigten, dass das Lager weitgehend entsprechend der im St. Pöltner Stadtarchiv noch aufliegenden Einreichunterlagen aus dem Jahr 1943 errichtet wurde.
Eine Ausnahme bilden zwei mit Betonröhren eingedeckte Splitterschutzgräben, welche nicht in den Einreichunterlagen eingetragen, inmitten des Lagers zwischen den Baracken errichtet worden waren.

Resümee
In der Zusammenschau ergeben die Befunde das Bild einer für die Zeit typischen „Effizient des Grauens“, die mit relativ geringen Mitteln erstaunlich hohe Wirkungen erzeugte. Dafür spricht auch, dass Bauten und Infrastruktur – obzwar für wenige Jahre geplant – im Kern eine Nachnutzung von mehreren Jahrzehnten erlaubte.
„Auch wenn das vorhandene Quellenmaterial einen guten Eindruck von diesem Lager vermittelt, konnte einmal mehr belegt werden, dass durch die Archäologie neue zusätzliche Erkenntnisse gewonnen werden“, fasst Stadtarchäologe Dr. Ronald Risy zusammen.

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