St. Pölten Konkret

Domplatz: Archäologie und Attraktivierung

03.03.2016, von Martin Koutny

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Im Bild (1/2): So ist der Plan für 2016: Die grün eingezeichneten Flächen sollen in diesem Jahr archäologisch erkundet werden. (Foto: Martin Koutny)
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Im Bild (2/2): Bürgermeister Mag. Matthias Stadler und Stadtarchäologe Dr. Ronald Risy präsentieren bei einem Pressegespräch die archäologischen Befunde des Jahres 2015 und geben einen Ausblick auf die Grabungssaison 2016 sowie die Attraktivierung des Domplatzes. (Foto: Martin Koutny)

Die Archäologischen Ausgrabungen am Domplatz gehen in die nächste Runde. Sie sollen bis zum Jahr 2018 abgeschlossen sein. Parallel dazu werden die Planungsarbeiten und weitere vorbereitende Baumaßnahmen für die Neugestaltung des Domplatzes durchgeführt.

Bürgermeister Mag. Matthias Stadler ließ vor wenigen Wochen mit einer neuen Idee aufhorchen, am Domplatz einen Anziehungspunkt für die Innenstadt zu schaffen. Es sollen die archäologischen Funde dargestellt, ein gastronomisches Angebot geschaffen und ein architektonischer Akzent gesetzt werden. Damit wird der Multifunktionalität des Platzes Rechnung getragen und eine möglichst hohe Besucherfrequenz erzielt.

„Von den archäologischen Ausgrabungen wissen wir, dass im nördlichen Bereich des Domplatzes zur Zeit Aelium Cetiums ein römisches Badehaus stand, das in seiner Form und Größe einzigartig im gesamten Römischen Reich war und später als Kirche verwendet wurde. Ich schlage eine Erweiterung er vorgenommenen Planungen mit den ausgewählten Architekten für einen attraktiven Akzent am Domplatz vor. Die Jury und die Architekten sollen sich aufgrund der sensationellen archäologischen Befunde nochmals mit dieser Idee befassen. Wie das am Ende genau aussehen kann, müssen die Architekten sagen. Es soll ein Anziehungspunkt für die St. PöltnerInnen und TouristInnen entstehen.“
Bürgermeister Stadler verweist darauf, dass die vorgelegten Visualisierungen eines Glasgebäudes die Darstellungen einer Idee sind, wie man die archäologischen Befunde präsentieren, ein gastronomisches Angebot schaffen und einen architektonischen Akzent setzen könnte. Jedenfalls soll die Neugestaltung des Domplatzes eine multifunktionale Nutzung ermöglichen und laut Stadler wird der Platz auch nicht autofrei werden.

Schaufeln, Kellen und Pinsel liegen bereit
Die Grabungsarbeiten wurden offiziell nach der Winterpause am 1. März mit vorbereitenden Arbeiten wieder aufgenommen. Geplant ist, die unmittelbar vor der Domkirche liegende, bereits im Vorjahr geöffnete Fläche noch vor Ostern abzuschließen. Danach konzentrieren sich die Arbeiten auf jenen Bereich, wo sich die ehemalige Doppelkapelle, respektive der Karner befand. Je nach Fortschritt der Arbeiten werden weitere Flächen geöffnet. Durch die Errichtung der Aussichtsplattform und anderen Veranstaltungen wird dem großen Interesse seitens der Bevölkerung wieder Rechnung getragen.

Zahlen und Fakten zur Grabungskampagne 2015 am Domplatz
2015 wurden 907 Tonnen Erdmaterial händisch mit Krampen und Schaufeln bzw. mit Pinsel und Kelle abgegraben. Das Fundmaterial 2015 aus mehr als 4.300 Einzelbefunden füllt allein ca. 123 Bananenkartons, die schätzungsweise mehr als 35.000 Einzelstücke enthalten. Darüber hinaus kamen 2.227 Kleinfunde, sowie 221 Münzen zum Vorschein. Mehr als 40.000 Fotos wurden aufgenommen.
Die Zahl der bisher geborgenen menschlichen Überreste liegt derzeit bei 9.821 Individuen, die fast alle anthropologisch untersucht sind. Dabei stellt die Freilegung von insgesamt 3.104 Individuen im Jahre 2015 einen absoluten Rekord dar.

Zum Befund 2015
In den beiden ersten Teilflächen an der Westseite des Platzes, wo man sich strikt an einen Meter Ausgrabungstiefe gehalten hat, kamen ausgenommen eines neuzeitlichen Kalkbeckens vor allem Bestattungen zum Vorschein. Bemerkenswert ist eine frühmittelalterliche Grablege, die mit einer wunderschönen Scheibenfibel ausgestattet war.
Die dritte Fläche, unmittelbar vor der Südseite der Domkirche gelegen, erbrachte ein breiteres Spektrum an Befunden von der Römerzeit bis in die Neuzeit. Für die Römerzeit hervorzuheben sind eine fast vollständig erhaltene Fußbodenheizung von einem Meter Höhe, ein spätantiker Brunnen sowie eine den römischen Verwaltungspalast einrahmende Porticus, die über ein Fundament aus hunderten kleinen Rundhölzern errichtet wurde. Zwei Sammelgräber mit weit über 100 Individuen wurden ebenso freigelegt wie mehrere sogenannte Familiengräber mit bis zu 15 Individuen. Besonders spektakulär war die Entdeckung von mehreren Glockengießgruben, wo Glocken für die ehemalige Klosterkirche, den heutigen Dom, gegossen wurden.

Archäologie abseits des Domplatzes
Durch den nach wie vor anhaltenden Bauboom in St. Pölten wurden auch im letzten Jahr zahlreiche weitere archäologische Maßnahmen durchgeführt. Das Spektrum reicht von Künettenbeobachtungen bis hin zu richtigen archäologischen Grabungen im Vorfeld verschiedener Bauvorhaben.

Die wichtigsten seien hier kurz erwähnt:
1. Pottenbrunn
Im Vorfeld eines geplanten Wohnbauprojektes durch den Bauträger Heimat Österreich konnte ein bisher unbekanntes mittelbronzezeitliches kleines Gräberfeld entdeckt werden.

2. Maximilianstraße
Völlig überraschend kamen auf einer Fläche von 10.700 m² Siedlungsspuren vom späten Neolithikum, der frühen und mittleren Bronzezeit, sowie der römischen Kaiserzeit zu Tage, die sich im Nahbereich von ehemaligen Bachläufen befanden.

3. Diözese-Infopoint
Hier konnten weitere Teile des spätmittelalterlichen Klosterkomplexes freigelegt werden, sowie die ursprüngliche Raumordnung innerhalb des barocken Klosters.

4. Schulgasse
Die kleine Grabung im Innenhof der Liegenschaft Schulgasse 4 war insofern von Bedeutung, als der einzige bisher noch nicht archäologisch nachgewiesene innerstädtische römische Straßenzug in seiner Lage fixiert werden konnte.

5. Schmiedgasse 10
Hier wurde nachgewiesen, dass dieses Haus auf den Resten der spätmittelalterlichen Stadtmauer errichtet worden war.

Alle diese Untersuchungen sind nicht willkürlich initiiert, sondern aufgrund von geplanten Bauvorhaben aufgrund der Gesetzeslage durchgeführt worden. Sie bezeugen erneut, dass es notwendig ist, die vielen Bauvorhaben im Stadtgebiet von St. Pölten archäologisch zu begleiten und seitens des Magistrats für die jeweilige Bauherrenschaft eine konkrete Ansprechperson in diesen Belangen anbieten zu können.


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