St. Pölten Konkret

Funde vom Domplatz bringen neues Wissen für die Medizingeschichte

25.11.2015, von Andrea Jäger

ausgrabungen domplatz bild01
Im Bild (1/2): Bis dato wurden über 9.800 Skelette bei den europaweit einzigartigen Ausgrabungen am Domplatz freigelegt. (Foto: Stadtmuseum)
ausgrabungen domplatz gebiss
Im Bild (2/2): Durch die Untersuchung von Knochen und Zähnen lassen sich viele Krankheitsbilder feststellen, die auch immer wieder zu neuen Erkenntnissen führen können. (Foto: Gaul/MedUni Wien)

Die europaweit einzigartigen Ausgrabungen am Domplatz haben auch für die medizinische Forschung eine große Bedeutung.

So wurde jetzt in einer Studie von Fabian Kanz und Karl Großschmidt von der MedUni Wien kongenitale Syphilis bei Skelettfunden in St. Pölten im Zeitrahmen von 1320 bis 1390 nachgewiesen, was die bisher gängige These widerlegt, dass die Seuche erst 1495 durch Christoph Kolumbus von seiner Amerikareise eingeschleppt wurde. Die Ergebnisse wurden nun im renommierten Journal of Biological and Clinical Anthropology publiziert und haben in der Forschungsfachwelt ein großes Echo ausgelöst.

Die kongenitale Syphilis, die durch die Übertragung von der schwangeren Mutter zum ungeborenen Kind ausgeht, wurde vor allem anhand von Veränderungen am Gebiss von Skeletten aus dem 14. Jahrhundert entdeckt. „Wir konnten die so genannten Hutchinson-Zähne mit zentralen Einkerbungen und konvergierenden Rändern sowie die Maulbeer- oder Knospenform bei Mahlzähnen nachweisen, die charakteristisch für die Syphilis sind“, erklären die Studienautoren Kanz (Department für Gerichtsmedizin) und Großschmidt (Abteilung für Zell- und Entwicklungsbiologie).

Knochendünnschliffe erlauben perfekte Untersuchungsergebnisse
Die Knochen und Zähne der Skelette wurden im Zentrum für Anatomie und Zellbiologie der Medizinischen Universität Wien histologisch als unentkalkte Knochendünnschliffe von den ForscherInnen untersucht und analysiert. Diese dünnen Schliffe, die weltweit nur in wenigen Zentren gemacht werden können, erlauben spezielle lichtmikroskopische Untersuchungen und den morphologischen Nachweis des Erregers.
Bisher wurden im Rahmen der Ausgrabungen am Domplatz insgesamt über 9.800 Skelette geborgen, deren Herkunft vom 9. bis zum 18. Jahrhundert reicht. Weitere Studien zur Historie von anderen Erkrankungen und Lebensumständen wurden ebenfalls bereits gestartet.


Copyright 2018 St. Pölten Konkret Online, Magistrat der Landeshauptstadt St. Pölten/Medienservice