St. Pölten Konkret

Lehrlinge in St. Pölten

12.04.2016, von Martin Koutny

lehrlingsoffensive
Im Bild (1/1): AMS Landesgeschäftführer Mag. Karl Fakler, ÖBB-Lehrling Christina Walsberger und Bürgermeister Mag. Matthias Stadler Informieren über die Lehrberufe und die Situation der Lehrlinge in St. Pölten. (Foto: Josef vorlaufer)

In der Landeshauptstadt werden zahlreiche Aktivitäten gesetzt, um das Image der Lehre zu heben und den Bedarf an qualifizierten Fachkräften bestmöglich abzudecken.

Aktuell gibt es in St. Pölten knapp über 2.000 Lehrlinge und 334 Lehrbetriebe. 44 Lehrstellen sind derzeit nicht besetzt.
„Die Zahl der lehrstellensuchenden jungen Menschen in St. Pölten ist im Vergleich zu 2014 um 2,6% zurückgegangen“, freut sich AMS NÖ-Chef Mag. Karl Fakler. „Aus Untersuchungen wissen wir, dass nicht zuletzt demographisch bedingt die Zahl der jungen NiederösterericherInnen, die sich für eine Lehrausbildung entschließen, stagniert bzw. sogar zurückgeht“, so Karl Fakler weiter. Um einen drohenden Mangel an Fachkräften gezielt entgegen zu wirken, setzen das AMS NÖ und seine Partner rechtzeitig gemeinsame Initiativen.
114 junge Menschen suchen derzeit in St. Pölten mit Unterstützung des AMS eine Lehrstelle. Den Lehrstellensuchenden stehen aktuell 44 freie Lehrstellen (sofort verfügbar) gegenüber. Das Angebot an freien Lehrstellen ist damit gegenüber März des Vorjahres mit um 35% (-24 sofort verfügbare Lehrstellen) ebenfalls zurückgegangen. Die meisten offenen Lehrstellen werden aktuell in den Fremdenverkehrsberufen (14), in den Büroberufen (9) sowie FriseurInnen (8) gesucht.

Jugendliche nicht ausreichend informiert
Wie eine Bedarfserhebung bei St. Pöltner Unternehmen gezeigt hat, werden die hervorragenden Karrierechancen, die eine Lehrausbildung in einem regionalen Unternehmen bietet, von den Jugendlichen in vielen Fällen nicht rechtzeitig erkannt. Auch die anspruchsvollen Lehrausbildungen in neuen Berufen, für die am Standort geeignete Lehrlinge gesucht werden, sind oft nicht bekannt. Dadurch gehen der regionalen Wirtschaft viele, wertvolle Talente verloren.

Die „Top Ten“ – Lehrberufe in NÖ (Anteil am Gesamtlehrlingsanteil: 59,3%)
1. Einzelhandel
2. Metalltechnik
3. Elektrotechnik
4. Kraftfahrzeugtechnik
5. Installations- und Gebäudetechnik
6. Maurer/in
7. Friseur/in und Perückenmacher/in (Stylist/in)
8. Tischlerei
9. Koch/Köchin
10. Gastronomiefachmann/frau
(Quelle: WKNÖ, Abteilung Bildung, 2015)

Handwerk hat einen goldenen Boden
Den Unternehmen, die Fachkräfte ausbilden und ihnen gute Arbeitsbedingungen bieten, den Anstrengungen der Bildungsverantwortlichen und der Stadt St. Pölten ist es zu verdanken, dass die Lehre wieder jenen Stellenwert bekommt, den sie verdient. Die Lehre ist eine wichtige Ausbildungsform in der Wirtschaft um den Bedarf an Fachkräften abdecken zu können. Die in der Gesellschaft verbreitete Meinung, dass die Lehre nur der zweitbeste Bildungsweg sei, ist angesichts des Fachkräftemangels völlig unhaltbar.
Das alte Sprichwort gilt heute genauso wie früher. „Wir brauchen die besten Köpfe und die besten Hände“, betont Bürgermeister Mag. Matthias Stadler und verweist auf die Bildungsoffensive der Stadt St. Pölten mit Investitionen von 312 Mio. Euro in die Gebäudeinfrastruktur. St. Pölten ist DER Bildungshotspot in Niederösterreich, besonders auch für Lehrlinge.
Eine herausragende Infrastruktur wird heutzutage als selbstverständlich vorausgesetzt. Andernfalls wird der Wirtschaftsstandort nicht einmal mehr wahrgenommen. Preiswerte und in entsprechendem Umfang vorhandene Flächen sind bei der Standortentwicklung zwar eine wichtige Voraussetzung, aber für die Investoren ebenfalls nicht wirklich ausschlaggebend.
„Die wichtigste Fragen für UnternehmerInnen sind: Wie sehen die Humanressourcen am Standort aus? Gibt es genügend Fachkräfte direkt am Standort oder in unmittelbarer Nähe?“ weiß Bürgermeister Mag. Matthias Stadler aus vielen Investorengesprächen und bestätigt: „Hier kann St. Pölten voll punkten. Wir haben eine hervorragende Infrastruktur und genügend Flächen für die Betriebsansiedelung. Unser bedeutendster Standortvorteil sind die Fachkräfte, die am Wirtschaftsstandort verfügbar sind. Wir forcieren deshalb ganz gezielt die Lehre, weil geschickte Hände das entscheidende Esset bei der erfolgreichen Entwicklung des Wirtschaftsstandortes St. Pölten sind. Die Lehre ist eine herausragende Ausbildung die alle Chancen für ein sehr erfolgreiches Berufsleben eröffnet.“

Die bisherigen Maßnahmen
Um die SchülerInnen der entsprechenden Schulstufen frühzeitig an die Vielfalt der Lehrberufe in der St. Pöltner Wirtschaft heranzuführen und auch ihre Eltern und Verwandten als wichtige Multiplikatoren einzubeziehen, hat die Stadt St. Pölten die ausbildenden Betriebe im Rahmen der „Lehrlingsoffensive“ mit einer Reihe von Aktivitäten unterstützen:
2013: Lehrlingsplaner - Hier wurden wichtige Fakten, Termine und Tipps für alle Monate im Jahr der Berufsentscheidung knapp und übersichtlich zusammengefasst.
2014: Bürgermeister Stadler besuchte mit Jugendlichen, welche ihre Lehrabschlussprüfung im Jahr 2013 mit ausgezeichnetem bis gutem Erfolg abgeschlossen haben, das Vorrundenspiel der Football EM in der NV Arena als Dank und Anerkennung Ihrer hervorragenden Leistung!
2014: Projekt mit der FH St. Pölten zur Vorstellung von ausgewählten Lehrberufen und Bewerbungstipps im St. Pölten KONKRET
2015: „willwerden live“: Informationsveranstaltung für Jugendliche im Rahmen der „Initiative Bildung und Wirtschaft – St. Pölten 2020“, 27 regionale Bildungsinstitutionen und regionale Unternehmen gaben „face to face“ eine Überblick über die Arbeitswelt und die dazu möglichen Aus- und Weiterbildungspfade (Diplomarbeitsthemen, Praktika, Lehrstellen, Jobprofile etc.)

Laufend erscheinen im Amtsblatt der Stadt „St. Pölten Konkret“ Interviews bzw. Gastbeiträge/Motivationsberichte von Ausbildungsbetrieben, um über die Berufswelt der St. Pöltner Lehrlinge, deren Karrierechancen, Herausforderungen und Ziele zu informieren.
22 Ausbildungsbetriebe haben sich bisher an der Informationskampagne der Lehrlingsoffensive beteiligt: Egger Holzwerkstoff, Geberit, Georg Fischer, Gourmet, Kössler, Radlberger, Egger Brauerei, Salzer, Schebesta, Spar, Sunpor, Weichenwerke Wörth, ConPlusUltra, Geschützte Werkstätte, ÖBB, D&C Cityhotel, ArboriCon, NÖ GKK, Klenk&Meder, Vermessung Schubert, Raiffeisen Lagerhaus, Sparkasse! Das Angebot steht jedem engagierten Unternehmer zur Verfügung!

2015: Fast jeder 3. neue Lehrvertrag in NÖ entfällt auf einen Lehrstellenersatz
Im letzten Jahr wurden laut Wirtschaftskammer NÖ insgesamt 4.990 neue Lehrverträge für das erste Lehrjahr abgeschlossen, das sind um 148 weniger als im Jahr 2014. Allein 1.688 neue Lehrverträge des Jahres 2015 entfallen auf Ausbildungen im Rahmen der Überbetrieblichen Lehrausbildung. „Damit hat die öffentliche Hand beim Zustandekommen von fast jedem dritten Lehrvertrag einen erheblichen Anteil“, erklärt AMS NÖ-Chef Fakler, der aus Mitteln des AMS und des Landes NÖ das Lehrstellenersatzprogramm finanziert.

Auch im Ausbildungsjahr 2015/2016 stehen Jugendlichen, die trotz aller Bemühungen keine Lehrplatz gefunden haben, Ersatzlehrplätze in Ausbildungslehrgängen und in (über)betrieblichen Lehrwerkstätten zur Verfügung. Insgesamt 700 Plätze wurden in (über)betrieblichen Lehrwerkstätten eingerichtet. Die Jugendlichen absolvieren hier in nachgefragten Lehrberufen ihre drei- oder vierjährige Lehrausbildung bis hin zur Lehrabschlussprüfung.

Im Rahmen der Überbetrieblichen Lehrausbildung werden auch „Lehrstellenersatzplätze“ in Form von Lehrgängen angeboten. Diese beinhalten eine bis zu zwölfmonatige Schulung, in der Jugendliche Kenntnisse und Fertigkeiten in einem bestimmten Lehrberuf erwerben und das erste Berufsschuljahr absolvieren. Für das Ausbildungsjahr 2015/2016 stehen 1.250 „neue“ und 700 Plätze für Verlängerungen in Lehrgängen zur Verfügung.
Die Kosten beider Programme (überbetriebliche Lehrwerkstätten und Lehrgänge) belaufen sich 2015/16 auf in Summe 42,2 Millionen Euro. 39,85 Millionen, davon wurden vom AMS getragen.

Lehrlingsausbildung hat Tradition
Die Berufsschule in St. Pölten ist einer von 19 Standorten in Niederösterreich. Jedes Jahr werden hier rund 1.400 SchülerInnen bei 70 Klassen – aufgeteilt in vier Lehrgängen - von 62 Lehrerinnen unterrichtet. Interessant ist dabei der Geschlechtervergleich: 345 männlich Lehrlinge, davon 13 aus St. Pölten und 1.047 weibliche Lehrlinge, davon 33 aus St. Pölten, besuchten zuletzt diese wichtige Bildungseinrichtung.
Die vier Lehrgänge umfassen:
• Schönheitspflege (Friseure, Fußpflege, Kosmetik, Fitnessbetreuer)
• Einzelhandel(Farb- und Parfümeriehandel, Pharmazeuten, Drogisten, Fotokaufleute, Buch und Medienwirtschaft)
• Chemie (Labortechniker, Verfahrenstechniker)
• Grafik und Druck (Druckvorstufe Mediendesign, Werbung und Kommunikation, Drucktechnik, Buchbinder und Reprofotografen).
Der Berufsschule ist ein Schülerheim angeschlossen, das im Schnitt mit zirka 200 SchülerInnen (4x10 Wochen) belegt ist. 53 moderne 4 Bettzimmer mit W-Lan und Sat-Anschluss stehen zur Verfügung.
Handwerk hatte in St. Pölten schon immer Tradition. Das belegt die Tatsache, dass die heutige Berufsschule ihren Beginn im Jahr 1864 hat, als der gewerbliche Unterricht in Form einer Fortbildungsschule eingeführt wurde.

ÖBB ist größter Lehrlingsausbildner
Aktuell werden in der Lehrwerkstätte St. Pölten auf einer Fläche von rd. 3.000 m² 110 Lehrlinge in den Lehrberufen Elektrotechnik - Anlagen - Betriebstechnik und Gleisbautechnik ausgebildet. Mit 317 abgeschlossenen Lehrverträgen sind die ÖBB in Niederösterreich der größte Ausbildungsbetrieb.

7,2 Mio. Euro für ein neues ÖBB-Lehrlingsheim
Mit dem ÖBB-Bildungscampus wird in St. Pölten ein bundesweites Ausbildungszentrum für Eisenbahnberufe geschaffen, das eine ÖBB-Berufsschule inkludiert. Im Zuge des Projektes wird bis 2019 mit einem Investitionsvolumen von 7,2 Mio ein neues Lehrlingsheim errichtet. Das neue Lehrlingsheim wird über 3.000 m2 Bruttogeschossfläche, 36 Übernachtungszimmer (mit 2 Bett-Belegung) und Nasszelle, Büroflächen für die Heimverwaltung, Freizeit-, Fitness-, Musikraum, Hobbyraum, Bibliothek und eine Kantine verfügen.
Mit dem ÖBB-Bildungscampus und dem neuen Lehrlingsheim wird die Basis für eine erfolgreiche Berufsausbildung in St. Pölten gelegt“, freut sich Bürgermeister Mag. Matthias Stadler.
Christina Walsberger, ÖBB-Lehrling im ersten Lehrjahr, über ihre Lehrstelle: „Ich habe im Internet nach Lehrstellen gesucht und bin dadurch auf die Lehrlingsausbildung bei den ÖBB gestoßen. Einen technischen Lehrberuf habe ich mir deshalb ausgesucht, weil es mich mehr interessiert als andere Lehrberufe. Ich erlerne den Beruf des Elektro- Anlagen- Betriebstechnikers. Ich bin im ersten Lehrjahr und bereue meine Entscheidung nicht. In der Lehrwerkstätte der ÖBB in St. Pölten fühle ich mich wohl. Meine Ausbildung ist sehr Abwechslungsreich. Ich komme aus Kirchberg an der Pielach (Tradigist). Den Lehrplatz kann ich mit dem Zug sehr gut erreichen. In St. Pölten kann ich sehr gut einkaufen und Kinos besuchen. Es gibt viele Freizeitaktivitäten, aber wohnen ist bei mir zu Hause einfach am schönsten.“

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